Ausgewogen sei deine Rede, fordern die Kritiker vom Dichter,
als dieser die israelische Politik (und die deutsche) kritisierte. Was ist das, „ausgewogen“?, frage ich mich.
Eine Rede, der jeder zustimmen kann? Eine Rede, die so und soviel Teile „Ja“ und so und so viel Teile „Nein“ enthält? Am besten im Verhältnis 50:50, - bei einer Toleranz von 0,5?
Der Dichter gehe nur mit wenigen Worten auf die Untaten des Iran ein, aber mit einem Vielfachen auf die Gefahren, die Israel heraufbeschwört, sagen sie. Was, frage ich, wäre anders, hätte der Dichter auf die Haltung des Iran mehr Wörter verwendet?
Ist eine ausgewogene Rede also eine, in der jeder die eigene Rede wiederfinden kann? Eine Rede, deretwegen niemand auf die Barrikaden gehen wird? Und wer wiegt sie aus, diese Rede?
Wird es eines Tages ein Ministerium für Ausgewogenheit geben? Wo man sich eine gedankliche Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen lassen kann: „Die Rede von Frau / Herrn X ist ausgewogen.“
Doch nehmen wir einmal an, es gäbe sie, die ausgewogene Rede. Wozu sollen wir dann noch miteinander reden? Und über was? Ist doch alles schon schön ausgewogen.
Nur Kneipengespräche funktionieren so. Weil die, deren Rede anders ist, gar nicht erst an den Tisch gebeten werden.
Gibt es eine Entwicklung im Konsens?
Noch eine Frage zum Schluss: Besteht ein etymologischer Zusammenhang zwischen „wiegen“, „wägen“ und „wagen“? Und vielleicht auch „wogen“?
19.April 20