Es ist nicht meine erste Operation. Damals vor etwa vierzig Jahren war die Galle dran. Meine Galle – das unbekannte Wesen. Was sagte mir die Galle, was bedeutete sie mir. Rein gar nichts. Ich habe sie gequält, malträtiert, eigentlich eher noch ignoriert, und sie hat stumm und treu ihren Dienst versehen, bis sie nicht mehr konnte. Erst durch angelesenes Wissen setzte sich bei mir danach langsam die Erkenntnis durch, die Galle könne eine zumindest nicht ganz überflüssige Aufgabe haben. Bücher wurden angeschafft für das Leben ohne Galle, Diätpläne entworfen, Lebensbilder erörtert. Und dann zeigte sich, dass ich dieses Organs nicht einmal vermisse. Nach kurzer präventiver Zurücknahme lebte ich wie einst – scheinbar ohne böse Folgen, bis heute.
Doch jetzt die Augen: Grauer Star. Der sei heute absolute Routine, der Blinddarm des 21. Jahrhunderts. Vollnarkose, dann eine Viertelstunde OP, schließlich das Aufwachen im Abklingraum. Mehr Sorgen bereitet den Ärzten die Zeit danach, die Verhaltensmassregeln für die Rückkehr in die Normalität waren viel umfangreicher und nachdrücklicher niedergeschrieben als für die Stunden davor. Kleine Schlampereien im Vorfeld machten Angst vor größeren. So sollte ich am Vortag nach 18 Uhr unter einer bestimmten Nummer anrufen, um die genaue Uhrzeit des Eingriffs zu erfahren. Doch dort wusste man von nichts. Die Ärzte hätten ihren Plan noch nicht offenbart, ich solle doch morgen früh um 8 Uhr noch einmal anrufen.
Darauf aber werde ich wohl verzichten Vielmehr werde ich mir ein Malerband auf die Stirn kleben, darauf zu lesen sein wird: „Rechtes Auge, Grauer Star“. Dann können sie mir wenigstens nicht das linke Bein absäbeln. Wenn ich`s mir überlege: Eigentlich ist mein linkes Bein wichtiger.
Ein Freund mit reichhaltiger Krankenhauserfahrung, hat mir einmal erklärt, wie man solcher Verwechslungsgefahr entgehen kann: Man muss sich ganz einfach unverwechselbar machen. Doch wie das? Soll ich mit eine Schnittvorlage auf den Leib zeichnen und dazu schreiben: „Follow the dotted line“?
Hinsichtlich der Bedeutung eines der glücklicherweise paarig vorhandenen Augen wurde ich dann aber doch stutzig, als ich in der taz eine Buchbesprechung las, dass die westliche Kulturgeschichte das Sehen als „Königin der Sinne“ begreife. Der Autor, David Toop („Sinister Resonance“), schreibt: „Es ist das Sehen, das es uns ermöglicht, uns selbst mit großer Zuversicht in unserer Welt zu identifizieren, in dem wir erkennen, was sich unmittelbar vor uns befindet.“ Danach hebt er zwar die weit tiefer reichende Bedeutung des Hörens hervor („ständige[r] Zugriff auf eine weitaus umfassendere Welt“). Doch der schale Geschmack bleibt: Begebe ich mich da nicht einer Grundorientierung, der Voraussetzung zu einem Leben in der Gesellschaft?
Aber es sind noch mehr Unwägbarkeiten, die mich irritieren. Die Galle wurde damals entfernt, der Körper aber durfte selber einen Ausweg aus dem Manko finden. Er tat dies mit bemerkenswerter Bravour. Doch die Augenlinse wird nicht nur zertrümmert und dann abgesaugt, es wird auch noch durch eine Plastiklinse ersetzt. Plastik in meinem Körper! Kann ich das dulden?
Wenn ich morgen nach dem Abklingen der Narkosewirkung aufwache, werde ich nicht mehr der sein, der ich einst war und jetzt gerade noch bin. Ich werde einen Fremdkörper enthalten und so meine physische Unschuld verloren haben. Wie werde ich die Welt durch ein Stück Kunststoff sehen? Wird sie nicht noch schäbiger sein? Die Brillenlinse bestehe ebenfalls aus einem körperfremden Stoff? Ja, aber dahinter blickt ein lebendes Auge auf die Dinge und Ereignisse der Welt- Das ist doch wohl ein Unterschied!. Möglicherweise bestimmt der Preis der Kunstlinse auch noch die Güte des Weltbildes? Und könnte das nicht der Einstieg in die TV-Transplantationstechnologie sein, bei der ein auf einem Chip (unter der Ferse eingelassen) gespeicherter TV-Empfänger das Gehirn mit den erforderlichen visuellen Informationen beliefern könnte – der Zuschauer hätte so die Möglichkeit, auch einmal abzuschalten.
Aber ich bin ein Feigling, ich kenne mich. Ich werde morgen so rechtzeitig hingehen, dass die Vergesslichkeit der Ärzte, die mir keinen OP-Termin zuwiesen, folgenlos bleiben wird, und ich am gesellschaftlichen Leben wieder uneingeschränkt werde teilnehmen können. Meine Aufmüpfigkeit war halt schon immer nur die eines Papiertigers. Oder sollte ich sagen: eines Ritters im Wasserglas.