Fundstücke von der Medienrallye

„… ein Zankapfel, der seit dem Jahr 1994 schwelt”

Diesmal gibt`s zu Weihnachten Schweläpfel statt Bratäpfel.

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„Der Fehlerbericht wird geuploadet.“

Schöne neue Sprache!

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“Jetzt muss man die Zähne zusammenbeißen, die meisten machen die Augen zu …“

Reportage von den Leichathletik-Weltmeisterschaften, Finale im Rudern, Achter. Das deutsche Boot liegt auf den letzten Metern vorn: Paralympics für Reporter.

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„Danach bin ich fertig wie ein Brötchen.“

„die Verhältnisse zum Tanzen bringen.“ Eventuell: „… zum Dampfen …“?

„Die Kacke ist so richtig am Dampfen.“ Oder: „… am Tanzen“?

„Was wäre, wenn wir nicht immer arbeiten müssten.“ (Horrorvision – bei dem Unterhaltungsangebot!)

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„ … dann hat die Elf die Fans mit einem 3:1 besiegt.“

Übersprungsprache. Sportbericht im Info-Radio.

Das passiert, wenn man vieles mit den wenigen verfügbaren Wörtern möglichst gleichzeitig sagen will.

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“ In Deutschland müssen Selbstmordattentäter einen Helm tragen.“

als Zitat in der taz. 24.11.11. S.28 (B)

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„Was Sie sagen geht ins linke Ohr rein und aus dem rechten wieder raus!“ – „Ist ja auch nicht viel dazwischen!“

Juri Sternburg in taz 24.11.11., S.28

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„Der Minister hat sich zu seinen Fehlern bekannt …“

Heißt das, er akzeptiert sie, die Fehler, nimmt sie an? So wie sich jemand zu seinen – beispielsweise – unehelichen Kindern bekennt?

Oder wollte der Schreiber nicht doch sagen;

„Der Minister erkannte an, dass er Fehler gemacht hat“ Warum tut er`s dann nicht? Ist doch auch ein ganz netter Satz. Er hat zudem den Vorteil, verständlich zu sein.

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Nun könnte jemand einwenden, es handele sich bei derlei Ungereimtheiten möglicherweise um Versprecher. Doch wissen wir nicht seit Freud, dass die ganz schön tief blicken lassen können? Sie zeigen uns, woran die sprechende Person beziehungsweise ihr Unterbewusstsein tatsächlich denkt. So auch der taz-Redakteur, der von einer Zelebrität berichtet:

„ [Ortsname] liebt bei“

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Heute bin ich wieder fündig geworden, schließlich nähern wir uns dem Osterfest mit seinem Suchritual. In einem Tratsch-Bericht der taz (23.3.2011, S. 17, „Flimmern + Rauschen“) über ARD-interne Reibereien finden sich gleich zwei Wortneuschöpfungen: „Die Sekretärsgeneralin“ (Überschrift) für die Generalsekretärin des ARD, die ihren Arbeitgeber verklagt hat (unter anderem wegen Diskriminierung), um so ihre Wiederwahl für eine weitere Amtszeit nach dem 30. Juni 2011 abzusichern.

So kämpft sie heute gegen diejenigen Mächtigen in der ARD, die ihre Installierung einst betrieben haben und zwar „gegen den Willen vieler ARD-Hierarchen“. Ist das nicht ein Hammerwort? „Hierarch, der“, männlich natürlich: Ich sehe ihn buchstäblich vor mir: aalglatt mit aalglattgegelten Haaren, etwa wie der raunende Mann in der „Semsamstraße“(„Genaaau!), der ans Innenfutter gehefteten Uhren zu verkaufen suchte. Die grauen Mäuse der Macht, richtig schön allerdings erst im Plural. Stolpersteine für die Elite: „Wenn die Eliten mit den Hierarchen schwofen gehn …“. Die Hierarchen – klingt irgendwie nach griechischer Tragödie.

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Auch nicht schlecht: „Unsere Parzellanten“ – ein anderer Schrebergar- ten-Vorsitzender dagegen spricht von „Mit-Gärtnen“.

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Immer neue Wendungen werden in die Schlacht geworfen. Unsere Kreativen haben ihre Wort- und Phrasengenerierungsmaschinen angeworfen und füttern sie mit teils abenteuerlichen Bildern die ihrerseits unsägliche Wortgebilde hervorbringen.

Aber es gibt auch Ausdrücke, da wird es still im Saal, wenn sie fallen. „Fallen“ scheint mir gar nicht so unpassend für diesen Vorgang zu sein. Sie klingen nach im Resonanzraum des Rezipienten und entfalten dabei ihre ganze semantische Wucht. Es sind die Neutronenbomben der Linguistik. Sie werden einen bevorzugten Platz in den Waffenarsenalen der politischen Argumentation erhalten, dessen bin ich sicher.

Doch da sind auch andere, bei deren Nennung zwar auch Ruhe einkehrt, doch eher aus Verlegenheit. „Strategische Geduld“, ist ein solcher Ausdruck. Außenminister Westerwelle will sie gegenüber Ägypten üben. Doch wie soll die aussehen? Bei Westerwelle?

„Strategie“ ist ja das intendierte Ziel am Ende einer Kette von Operationen. Ob aber die Realisierung dieses Ziels mit Hilfe von „Geduld“ zu erzwingen sein wird, mag dahin gestellt sein. Anrührend aber doch, wie hier der Geist Helmut Kohls („Entscheidend ist, was hinten rauskommt“) in den Händen Westerwelles zu neuem Leben erweckt wird. *

„Grillverbot soll strenger verfolgt werden.“

BZ-TV in der Berliner U-Bahn. Wer hat eigentlich behauptet, Deutschland sei ein Rechtsstaat? Ist ein Staat, in dem Verbote verfolgt werden, ein Rechtsstaat?

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„Er konnte sich nicht mehr auf sein Spiel fokussieren.“

Kein Wunder bei diesem Glanz der schönen Wörter.

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„Alleinstellungsmerkmal“ – kommt vor in sehr bunten Kontexten. Es entstammt der Sprache des Marketing (unique selling proposition – USP), dem Leitkultur-Protagonisten des Neo-Kapitalismus, und meint ein Merkmal, durch das sich ein Produkt gegenüber allen anderen vergleichbaren auszeichnet und hervorsticht. Von dort aus hat es, die Artschranken überspringend, angrenzende Bereiche pandemisch erfasst. In den letzten Tagen ist es mir wiederholt begegnet, heute (2.2.2011) ein kleiner Klimax: zweimal in der taz! Einmal in einem Leserbrief, S.11:

„Wenn die taz hier [Rentenkassenplünderung] weiterbohren würde, hätte sie auf lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal.“

Und:

„… insofern darf Teeth in dieser Sache [vagina dentata in Highschool-Komödie] mit einem Alleinstellungsmerkmal punkten.“ (Filmbesprechung)

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„zertifiziert“ (im Sinne von „beglaubigt“), weist ebenfalls bizarre Kontexte auf.

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Was es sonst noch gab:

be-: [etwas] bewerben – nicht mehr ganz neu, aber dennoch hübsch.

ähnlich: bespielen (Eltern bespielen ihre Kinder,), bespaßen, besamen

Und jede Menge Einzelzugänge:

entglase „[Vermummte] entglasten … einen einzelnen Streifenwagen in Friedrichshain …“.

aufladen: „[etwas] ist optimistisch aufgeladen“

„die hysterische Energie des schlechten Gewissens“

„(Legasthenie:) … weil man ihnen [= den Legasthenikern] einen basalen (? > Basis?) Schriftunterricht vorenthalten hat.“

„confirmation bias“: wenn ich es richtig verstehe: der Versuch, die Wirklichkeit auf die eigene Vorstellung von ihr zurechtzubiegen.

„[Fußball-] Konzepttrainer ohne Länderspielpedigree“. Pedigree? Ist das nicht Hundefutter? Muss beim nächsten Besuch im Supermarkt mal genauer hinschauen. „…das alles ist überzeugend komponiert, dennoch hat man das Gefühl, es handelt es sich um eine Art „Konzept-Roman“ – jede Figur sieht man sofort wie in einem Film vor sich, wenig wirklich Überraschendes passiert, und der Tag zwischen 9.00 Uhr und 00.45 zieht sich beim Lesen ganz schön in die Länge.“ (Renée Zucker in inforadio rbb)

„Doppelsechs“: Ich habe durchaus Interesse am Fußball und an seiner Theorie. Doch dieses Wort verstehe ich beim besten Willen nicht. Wenn es „12“ bedeuten sollte, dann könnte es besagen, der Verein mit der „Doppelsechs“ habe aufgrund einer taktischen Finte einen virtuellen Mann mehr auf dem Platz. Doch das glaube ich nicht, das wäre zu simpel. Das Ärgerliche ist, dass einem das nirgendwo erklärt wird, die Zeitung verkommt immer mehr zum Insider-Organ.

„Kollektive fahrlässige Realitätsverweigerung“: „Die Ertrunkenen der Kreuzfahrtschiffskatastrophe auf der Wolga sind Opfer dieser Einstellung.“ (taz, 12.7.2011)

Der Schein als Sein.

„Die emotionale DDR der Westdeutschen“ ist – wer hätte das gedacht: Helmut Kohl! ( taz am 12.7.2011, S. 1)