Sophie Pacini ist Italienerin, geboren und aufgewachsen in München. Jetzt im Alter von 24 Jahren startet sie zu einer Weltkarriere als Pianistin durch. Zusammen mit Alice Sara Ott, Francesco Tristano, Martin Helmchen gehört sie einer Generation von Pianisten an, denen man wahrscheinlich auch einmal gesagt hat: „Lass es, es gibt zu viele. Über Karriere oder Dasein als Vorstadt-KlavierlehrerIn entscheiden Zufälle wie das Glück und anderes, nicht allein das Können. Sie haben nicht davon gelassen, sondern ihren Dickkopf durchgesetzt. Wir wissen nur von den Erfolgreichen. Die auf der Strecke (als Klavierlehrer) geblieben sind, kennen wir nicht.
Sophie Pacini durfte kürzlich im Deutschlandfunk eine eigene Sendung moderieren, in der es um ihren künstlerischen Werdegang ging. Sie erzählte frisch von der Leber weg, ungekünstelt und doch mit Tiefe von ihren ersten Schritten in die Welt der Musik, die sehr intensiv von ihrem Vater unterstützt wurden. Der war Professor für Literaturwissenschaft in München, stellte aber seine eigene Karriere hintenan, um als Impresario die seiner hochbegabten Tochter um so mehr zu fördern. Und dies nicht wie Leopold Mozart oder Johann van Beethoven mit der Knute in der Hand, sondern kumpelhaft verspielt. Hat mir gefallen.
Pacini gehört auch einer Generation an, für die die Trennung von E und U, „ernst“ und „Unterhaltung“ nicht mehr gilt, Es gibt nur gute oder schlechte Musik. Ennio Morricone, der Komponist von Filmmusik („Spiel mir das Lied vom Tod“ u.a.) ist eines ihrer ganz großen Vorbilder, In dem Film „Cinema Paradiso“ (1988) gebe es eine Szene, in der der Held nach 30 Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrt und sein Elternhaus aufsucht. Die Kamera zeigt aus dem dunklen Zimmer heraus, wie sich die Eingangstür langsam und vorsichtig einen Spalt breit öffnet. Beleuchtet von dem einfallenden Lichtstrahl wird ein minimaler Ausschnitt des Raums sichtbar und durch diese schmale Schneise fällt schlagartig die Erinnerung an die Kindheit ein. Dies, so Pacini, sei die gleiche Vorgehensweise, wie sie Chopin in seiner Musik praktiziert habe. Sie sei wie der Lichtstrahl und erlaube uns einen Blick in die eigene Vergangenheit.
Nun bin ich kein Vergangenheitsfanatiker, schaue lieber nach vorn als meine teilweise grauenhaften früheren Fehler zu inspizieren. Doch was Pacini sagt, klingt überzeugend: Musik als Brücke für aus der Vergangenheit herüber wabernde Emotionen. Vielleicht war dieser Blick zurück in eine andere (bessere?) Vergangenheit (auch) das Geheimnis von Chopins Musik. Sie mobilisiert frühe Emotionen, die der Rationalität unseres Alltags zum Opfer gefallen sind.
Vielleicht ist dies der Grund, weshalb ich Chopin aus dem Weg gehe..