Neues von Brasil 2014 (5) Willi Lemke ist eine Ausnahmeerscheinung: Er versteht sowohl etwas von Sport als auch von Politik. An zahlreichen Schnittstellen zwischen diesen bei den Feldern hat er sich bewährt. Derzeit ist er Sonderberater des UN-Generalsekretärs in Sportfragen.

Heute Morgen wurde er im Inforadio RBB – oder war`s diesmal sogar das Deutschlandradio? Egal. Er wurde gefragt, ob er die Generalprobe des Videobeweises bei der derzeit laufenden Fußball-WM in Brasilien für gelungen halte und aus seiner Sicht einer generellen Einführung nichts entgegenstehe.

Willi Lemke ist in der Welt herum gekommen und weiß entsprechend viel zu erzählen. So berichtete er von internationalen Wettkämpfen in drittrangigen Sportarten wie Säbelfechten hinter den Bergen beiden sieben Zwergen (Moskau), wo der Einsatz elektronischer Beweismittel gar kein Thema mehr sei. Nur beim Fußball stelle man sic so an. Er brandmarkte das als provinziell. (Zur Seite gesprochen Wenn es für Putin einen Bereich gibt, wo er seine Weltoffenheit, Modernität und seinen unbedingten Gerechtigkeitssinn ohne Zögern unter Beweis zu stellen bereit ist, dann ist es der Sport. Das hat natürlich auch seine Gründe.)

Aber bleiben wie bei Willi Lemke. Er verweist auf die ungeheure Popularität des Fußballs weltweit und fordert, den Fans nicht länger die objektive Gerechtigkeit auch in dieser Sportart vorzuenthalten.

Das ist, ganz ohne Frage, honorig gedacht und gut gemeint. Warum sollen die Fans mit der Ungewissheit ins Bett geht, ob das Tor, das nicht gegeben wurde nun tatsächlich keins war oder aber doch? Gibt es doch Schöneres, mit dem man ins Bett gehen kann. Da aber auch das hinreichenden Konfliktstoff bietet, kann man den Fußball ruhig außen vor lassen.

Doch Willi Lemke irrt! Sicherlich versteht er viel von Fußball als Sport, doch kaum etwas von der Fußballkultur. Oder von der Soziologie des Fußballs. Das Fußballspiel, das wir live oder im TV sehen – um das geht es doch gar nicht. Bestenfalls liefert es den Diskussionsstoff, den sich die Fans je nach Bildungsniveau, sozialer Herkunft und individuellem Temperament in Kneipen, öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln oder im ehelichen Bett m die Ohren hauen. Es geht um eben diesen Meinungsaustausch, um après football. Fußballspiele haben Debatten ausgelöst, die bis hin zu Kriegen eskalierten (zwischen Honduras und El Salvador im Jahr 1969).

Man stelle sich einmal vor, das so genannte Wembley-Tor hätte es nicht gegeben, weil irgend ein engstirniger Technik-Freak bereits damals den Videobeweis erfunden hätte. Um wie viele geistreiche Wortwechsel, um wie viele Feuilletonergüsse wäre die Menschheit, also wir, ärmer! Es hätte die intellektuelle Entwicklung des Menschen weit zurückgeworfen.

Nein, wenn etwas wichtig am Fußball ist, dann das, was danach kommt. Darin erst erfüllt sich auf die reinste Weise Schillers Forderung im Beethoven`schen Gewand: „Alle Menschen werden Brüder“. Und schlagen sich die Köpfe über die Frage ein: „Tor oder Nicht-Tor, das ist hier die Frage.“ Denn erst das ist Kultur, Fußball ohne après football dagegen bloßer Sport. Kultur bedeutet: Niemand will die Wahrheit kennen, da nichts die Fantasie des Menschen so zu beflügeln vermag, wie das Nicht-Wissen.