Ich wohne in einer ziemlich, nein: sehr ruhigen Straße, in einer Sackgasse kurz vor dem Esgehtnichtmehrweiter. Kein Durchgangsverkehr, kein ÖPNV, keine Motorboote und nicht einmal Kanalrattengetrampel stören meine Ruhe. Ab und zu lässt eine Fahrschule hier Wende- und Einparkmanöver üben. Diese Exerzitien laufen wie mit angehaltenem Atem ab, sind doch die jungen Leute am Steuer fahrmäßig noch ganz zahm, drücken kaum auf die Tube.
Die einzige dauerhafte Lärmquelle sind Vögel, insbesondere Tauben und Krähen. Nicht gerade eine Zierde für dieses dünkelhafte Südwestberlin. Es werden zwar keine Demos gegen den Kommunikationslärm der Vögel organisiert, immerhin hat man begriffen, dass es wohl Unterschiede zwischen Fluglärm und Taubengegurre und Krähengekrächze gibt.
Doch hinter vorgehaltener Hand wird um so heftiger diskutiert, werden Erfahrungen ausgetauscht. Früher sollen radikale Vogelgegner mit Luftdruckgewehren auf die Tiere geschossen haben. Zahleiche Einschusslöcher auf den Balkonseitenwänden etwa meines Hauses zeugen davon, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein anderer Krieg abseits der öffentlichen Wahrnehmung geführt wurde, der gerade darum um so unheimlicher war. (Übrigens: Neben dem Ornithophoben mit dem Luftdrckgewehr saß ein Ornithophiler, der im Dachgeschoss eine Voliere eingerichtet hatte. Seine Lieblinge fütterte er mit den Blättern eines speziellen Baums, den er – wider alles Nachbarschaftsrecht – unmittelbar neben unseren gemeinsamen Zaun gesetzt hatte. Dieser Baum hat, da extrem schnellwüchsig, schon bald meine Regenrinne angebaggert. Aber Schwamm drüber, der Mann ist tot und auch die Vögel – ja wo sind die denn eigentlich? Aber so genau will ich das gar nicht wissen.
Also in diese Idylle hinein, die höchstens mal für Sekunden von einem gut eingespielten Team der Stadtreinigung unterbrochen wird, ertönten seit heute Morgen Hammerschläge. Skandal: Jemand arbeitet! Ohne es sich anmerken zu lassen bewegten sich nahezu alle Bewohner der entlang der Straße aufgestellten Häuser an die Fenster (Es ist in unseren Kreisen nicht üblich, dass man schon am Fenster sitzt, ehe etwas geschieht! Diese Form des Straßenkinos ist den Proletariern in Neukölln vorbehalten.) Vor dem Haus, nein: vor meiner Garageneinfahrt hatte ein Mann seinen Kleinlaster abgestellt, auf dem Steine, Sand und mittelschweres Gerät bereit gehalten wurden. Kein Zweifel, der Mann arbeitet ernsthaft.
Ich fasste mir ein Herz, nahm die Schalen mit dem Biomüll in die Hände und ging nach draußen. Ein lässiges „Hallo“ ihm vor die Füße werfend (das soll in Proll-Gegenden ja üblich sein), näherte ich mich dem Zaun und fragte, ob er noch mehr Steine benötige. Ich fände immer wieder welche auf meinem Anwesen. Bei dem Wort „benötigen“ zuckte er etwas zusammen, meisterte aber die Situation souverän: „Vielen Dank, aber ich hab den ganzen Wagen voll davon. Aber wenn Sie ihre Mosaiksteine los sein wollen, kann ich sie gern mitnehmen, die werden dann entsorgt.“ Mosaiksteine – das Wort gefiel mir, bisher hatte ich die Dinger einfach Pflastersteine genannt. Aber insgesamt betrachtet, berlinerte der Mann doch beträchtlich.
Wie man denn Mosaiksteine entsorgt, wollte ich wissen. Der Mann guckte erst etwas misstrauisch, dann grinste er mich an: „Na sehen Sie doch mal in den Kalender!“ Tat ich – und wusste sofort, was gespielt wurde: Ich war Zeuge einer großen Verschwörung geworden, die die Stadt jedes Jahr am 1, Mai mit einer Welle von Gewalttaten überzieht.
Das Befestigen loser Steine des Bürgersteigbelags ist nur Vorwand. Tatsächlich werden den bürgerlichen Bezirken die hochwertigen Mosaiksteine mit optimalen Flugeigenschaften entzogen (und gegen billige Imitate ausgetauscht), um die dann in den einschlägigen Widerstandshochburgen gegen gutes Geld an die Frau / den Mann zu bringen! Auch hier also hatte der Kapitalismus seine Hände im Spiel.
Vorsichtig umwickelte ich meine Pflastersteine mit Zeitungspapier (taz) und verstaute sie in meinen Rucksack. Eigentlich hatte ich ja daraus Blumentöpfchen basteln wollen (Saattöpfchen), aber na ja, die taz erscheint ja fast täglich, da kommt noch genug Rohstoff zusammen bis es richtig Frühling wird. Was mich aber nachhaltig erschüttert hatte, war die der Bastelanleitung mitgelieferte Information, das Papier, auf dem die Zeitung gedruckt ist, sei verrottbar. Ich hatte die taz für ewig während gehalten und deshalb angefangen, sie zu sammeln. Bei CD, DVD und dem ganzen digitalen Ramsch weiß man ja nie.
Der Rucksack hängt jetzt neben der Eingangstür, bereit zum Ausflug in die Hochburgen des Widerstandes gegen die, die Arbeit nicht als freimachend begreifen, sondern sie zur noch gründlicheren Ausbeutung missbauchen.
Eine Frage bleibt ungeklärt: Wie kommen die Mosaiksteine in meinen Garten? Sollten gar kreuzbrave Steglitzer Bürger(kinder) hier ihre Wurfübungen für den Ernstfall gemacht haben?